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Zusammenfassung: „Die Vernunft der Nationen“ von Kissinger – Kapitel 10 – Das Dilemma der Sieger

Nahaufnahme des Buchcovers von Henry Kissingers Diplomacy. Das Bild zeigt große braune Serifenschrift mit dem Namen Henry Kissinger in der oberen Hälfte, eine dünne schwarze horizontale Linie in der Mitte und darunter den roten Serifen-Titel Diplomacy auf schlichtem weißem Hintergrund, ohne Personen, Raum, Landschaft oder historische Szene.

Das Titelbild verankert diese Kapitelzusammenfassung in Kissingers größerer Studie über Diplomatie und internationale Ordnung.

1994 veröffentlichte Henry Kissinger das Buch "Die Vernunft der Nationen". Er war ein renommierter Gelehrter und Diplomat, der als Nationaler Sicherheitsberater und Außenminister der Vereinigten Staaten diente. Sein Buch bietet einen umfassenden Überblick über die Geschichte der Außenpolitik und die Kunst der Diplomatie, mit besonderem Schwerpunkt auf dem 20. Jahrhundert und der westlichen Welt. Kissinger, bekannt für seine Zugehörigkeit zur realistischen Schule der internationalen Beziehungen, untersucht die Konzepte des Gleichgewichts der Mächte, der Staatsräson und der Realpolitik in verschiedenen Epochen.

Sein Werk wurde weithin für seinen Umfang und seine Detailgenauigkeit gelobt. Es wurde jedoch auch kritisiert, weil es sich auf Individuen statt auf strukturelle Kräfte konzentriert und eine reduktionistische Sicht der Geschichte darstellt. Kritiker haben auch darauf hingewiesen, dass das Buch sich übermäßig auf Kissingers persönliche Rolle bei Ereignissen konzentriert und möglicherweise seinen Einfluss überbewertet. In jedem Fall sind seine Ideen eine Überlegung wert.

Dieser Artikel präsentiert eine Zusammenfassung von Kissingers Ideen im zehnten Kapitel seines Buches mit dem Titel "Das Dilemma der Sieger".

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Kollektive Sicherheit ohne kollektive Entschlossenheit

Am Ende des Krieges machte das Ausmaß der Zerstörung viele Staatsmänner und Bevölkerungen empfänglich für den Glauben, Recht und Ethik könnten die Methoden des Mächtegleichgewichts ersetzen, denen Europas Katastrophe zugeschrieben wurde. Die Vereinigten Staaten lieferten die wichtigste Sprache dieser neuen Diplomatie. Zugleich zogen sie sich von den Verantwortlichkeiten zurück, die ein solches System verlangte. Wilsons Einfluss brachte Europa dazu, Stabilität durch kollektive Sicherheit zu bewahren, statt durch Bündnisse, Abschreckung und ausdrückliche Verpflichtungen. Doch Europa übernahm diesen Ansatz ohne die Vereinigten Staaten, während Deutschland vom System ausgeschlossen blieb und die Sowjetunion außerhalb stand.

Kissinger unterscheidet kollektive Sicherheit von Bündnisdiplomatie. Ein Bündnis benennt eine mögliche Bedrohung, bindet eine bestimmte Gruppe von Staaten und schafft berechenbarere Pflichten als eine neue Interessenrechnung in jeder Krise. Kollektive Sicherheit benennt keinen bestimmten Feind, schützt keinen einzelnen Staat im Voraus und beansprucht, internationales Recht gegen jeden Verletzer zu verteidigen. Sie setzt voraus, dass alle wichtigen Mächte ein gemeinsames Interesse am Widerstand gegen Aggression teilen und daher vergleichbare Risiken akzeptieren müssten, wenn Aggression eintritt. Praktisch hing Durchsetzung somit von politischer Stimmung, nationalem Interesse und der Bereitschaft der Regierungen ab, jede Krise gleich zu deuten.

Diese Unterscheidung spiegelte einen tieferen Unterschied zwischen wilsonianischen und europäischen Sichtweisen auf internationale Konflikte. Traditionelle Diplomatie nahm an, dass nationale Interessen oft kollidieren. Staatskunst bestand darin, sie durch Anreize, Strafen und Gleichgewicht miteinander zu versöhnen. Wilson nahm dagegen an, Zwietracht entstehe weitgehend aus falschen Berechnungen von Staatsmännern und die Völker der Welt hätten ein natürliches Interesse an Harmonie. In Versailles widersprach das Verhalten der Sieger jedoch Wilsons Erwartung. Jede große europäische Macht drängte auf eigene Ansprüche. Wilson verteidigte universelle Prinzipien auch deshalb, weil die Vereinigten Staaten kein unmittelbares europäisches Territorialinteresse hatten.

Der Einfluss von Wilsons Idealen war in Großbritannien am stärksten, also in dem Land mit der tiefsten Tradition des Mächtegleichgewichts. Britische Führer nutzten wilsonianische Sprache zunächst, um amerikanische Unterstützung während des Krieges zu erhalten. In den 1920er und 1930er Jahren war kollektive Sicherheit in der britischen öffentlichen Meinung aber zu einer echten Überzeugung geworden. Britische Verteidiger des Völkerbundes setzten außergewöhnliches Vertrauen in die Weltmeinung als letzte Sanktion gegen Aggression. Kissinger hält diese Bekehrung für entscheidend, weil sie Großbritannien immer unbehaglicher gegenüber den konkreten Verpflichtungen machte, die zur Aufrechterhaltung der Regelung nötig waren.

Die Schwäche kollektiver Sicherheit zeigte sich immer dann, wenn Aggression definiert und bekämpft werden musste. In der Mandschurei fehlte dem Völkerbund 1932 ein Sanktionsapparat. Gegen Italiens Invasion in Abessinien billigte er Sanktionen, vermied aber ein Ölembargo unter der Formel „alle Sanktionen außer Krieg“. Als Österreich in Deutschland aufging und die Tschechoslowakei zerstört wurde, tat der Völkerbund nichts. Sein letzter Akt war der Ausschluss der Sowjetunion nach dem Angriff auf Finnland 1939, eine Geste ohne Wirkung auf sowjetische Politik. Kissinger überträgt dieses Muster auf die Vereinten Nationen. Sie konnten ein Forum bieten und technische Aufgaben erfüllen, aber Großmachtaggression nicht verhindern, wenn Vetos, Furcht oder unterschiedliche Interessen gemeinsames Handeln blockierten.

Der Golfkrieg von 1991 bestätigte in seiner Deutung den Punkt, statt ihn zu widerlegen. Die Vereinten Nationen billigten das Vorgehen gegen den Irak, aber die Vereinigten Staaten hatten bereits eine große Streitmacht entsandt und die Koalition zu einem amerikanisch geführten Unternehmen gemacht. Kollektive Sicherheit legitimierte eine durch Macht gestützte Politik. Sie schuf nicht selbst den Willen und die Fähigkeit, Frieden durchzusetzen.

Frankreichs Sieg und strategische Unsicherheit

Am stärksten wurde das siegreiche Frankreich durch diesen Widerspruch bloßgestellt. Seine Führer wussten, dass der Versailler Vertrag Deutschland nicht dauerhaft schwach halten konnte. Frühere Friedensordnungen hatten gezeigt, wie schnell besiegte Mächte in das diplomatische System zurückkehren konnten. Marschall Ferdinand Fochs Urteil, Versailles sei ein Waffenstillstand für zwanzig Jahre, fasste die französische Furcht zusammen, dass der Sieg das deutsche Problem nur aufgeschoben hatte. Frankreich suchte Sicherheit daher nicht aus Vertrauen in den Vertrag, sondern aus Angst, dass seine Beschränkungen mit Deutschlands Erholung erodieren würden.

Mitte der 1920er Jahre erkannten selbst britische Militärplaner, dass Deutschland wieder zur Bedrohung werden konnte. Frankreich wäre ohne Bündnis mit einer Macht ersten Ranges verwundbar. Britische politische Führer lehnten diese Schlussfolgerung ab. Sie sahen Frankreich zunehmend als potenziell dominierende Kontinentalmacht und Deutschland als gekränkten Staat, dessen Beschwerden Versöhnung verlangten. Frankreich wollte ein Militärbündnis mit Großbritannien als Ersatz für die anglo-amerikanische Garantie, die nach der Weigerung des amerikanischen Senats zur Ratifikation verschwunden war. Großbritannien deutete französischen Druck in Rheinlandfragen, Reparationen und osteuropäischen Bündnissen dagegen als Beleg erneuten französischen Ehrgeizes.

Für Kissinger war dies eine schwere Fehldeutung. Frankreichs Politik wurde weniger von Überheblichkeit als von Furcht vor Deutschlands demografischer, industrieller und strategischer Überlegenheit getrieben. Großbritannien hatte recht, dass eine stabile Ordnung Deutschlands spätere Rückkehr in die Gemeinschaft der Nationen verlangte. Zugeständnisse an Deutschland konnten jedoch allein kein Gleichgewicht schaffen, solange sich das Kräfteverhältnis stetig zugunsten Deutschlands verschob. Frankreich überschätzte, was es durch Zwang erreichen konnte. Großbritannien überschätzte Frankreichs Stärke und unterschätzte Deutschlands revisionistisches Potenzial. Deutschland und die Sowjetunion standen unterdessen außerhalb des Systems, verübelten die Regelung und erkannten immer deutlicher, dass die siegreichen Demokratien gespalten waren.

Gescheiterte Ersatzlösungen für ein Bündnis

Britische Zurückhaltung bei der Verteidigung der östlichen Regelung vertiefte den Bruch. Britische Führer zweifelten an Gerechtigkeit und Dauerhaftigkeit der neuen Karte, besonders bei Streitfällen um Polen, Danzig und Oberschlesien. Sie fürchteten, ein Bündnis mit Frankreich könnte sie in unklare Auseinandersetzungen instabiler Regionen hineinziehen, in denen Verantwortung schwer zuzuweisen wäre. Gespräche über ein anglo-französisches Bündnis wurden daher weniger zu einem Sicherheitsprojekt als zu einem taktischen Mittel. Großbritannien hoffte, Frankreich zu beruhigen und Druck von Deutschland zu nehmen.

Frankreich versuchte daraufhin, kollektive Sicherheit in etwas zu verwandeln, das einem bindenden Bündnis ähnelte. 1923 prüfte der Völkerbund einen Vertrag über gegenseitige Hilfe. Der Völkerbundsrat sollte einen Aggressor identifizieren und die Mitglieder verpflichten, dem Opfer zu helfen, nötigenfalls mit Gewalt und zumindest innerhalb ihrer Region. Der Entwurf enthielt Ausweichklauseln und hing von vorheriger Abrüstung ab. Dadurch war er innerlich widersprüchlich. Er unterstellte, Staaten würden geschützt, weil sie abgerüstet hatten, nicht weil ihr Überleben für das Mächtegleichgewicht wichtig war. Da das Opfer einer Aggression meist die schwächere Partei war, konnte das System Verwundbarkeit belohnen, ohne verlässlichen Schutz zu schaffen.

Die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion verweigerten die Teilnahme, Deutschland wurde nicht konsultiert, und Großbritannien wich zurück, als klar wurde, dass solche Pflichten im gesamten Empire gelten könnten. Das Genfer Protokoll von 1924 versuchte eine andere Formel. Es verlangte Schiedsverfahren und definierte Aggression durch die Weigerung, ein Schiedsverfahren zu akzeptieren, eine Regelung anzunehmen oder auf Krieg zu verzichten. Es scheiterte aus demselben Grund. Großbritannien sah das Protokoll als Mittel, Frankreich zur Abrüstung zu bewegen. Frankreich sah darin einen Weg zur gegenseitigen Hilfe. Es ging Großbritannien zu weit und Frankreich nicht weit genug.

Diese Experimente zeigten die lähmende Abstraktion der Nachkriegsordnung. Die Demokratien versuchten, Widerstand gegen Aggression von rechtlichen Definitionen, Schiedsverfahren und Abrüstungsplänen abhängig zu machen. Gleichzeitig vermieden sie die konkreten geopolitischen Verpflichtungen, die gefährdete Regionen traditionell geschützt hatten. Großbritannien erfand immer neue Formeln kollektiver Sicherheit, weil sie weniger bindend wirkten als ein Bündnis mit Frankreich. Frankreich verfolgte sie weiter, weil es keinen anderen Weg zu britischer Unterstützung hatte. Das Ergebnis war weder Sicherheit noch Abrüstung, sondern das wachsende Gefühl, dass Versailles sich nicht selbst verteidigen konnte.

Abrüstung, Reparationen und die Erosion von Versailles

Die Abrüstungsklauseln von Versailles verschärften die anglo-französische Spaltung und erleichterten schließlich Deutschlands Rückkehr zur militärischen Parität. Die Alliierten zwangen Deutschland militärische Grenzen auf, ohne wirksame Kontrolle zu schaffen. Die Interalliierte Militärkontrollkommission konnte Deutschland um Informationen bitten, besaß aber kein unabhängiges Inspektionsrecht. 1926 wurde sie aufgelöst. Deutsche Verstöße begannen daher lange bevor Hitler den Vertrag offen verwarf. Zugleich argumentierten deutsche Führer, ihre eigene Abrüstung sei nur die erste Stufe der im Vertrag versprochenen allgemeinen Abrüstung gewesen. Für diese Behauptung gewannen sie britische Sympathie.

Dieses Argument brachte Frankreich in eine unmögliche Lage. Großbritannien konnte sein Heer verkleinern, ohne seine zentrale Sicherheit zu gefährden, weil es auf Seemacht beruhte. Frankreich brauchte ein großes stehendes Heer, um Deutschlands größere Bevölkerung und industrielle Basis auszugleichen. Druck zugunsten französischer Abrüstung oder deutscher Wiederbewaffnung kehrte daher die militärischen Folgen des alliierten Sieges um. Als Hitler an die Macht kam, so Kissinger, brachen die Militärklauseln bereits zusammen und Deutschlands zugrunde liegender geopolitischer Vorteil wurde sichtbar.

Reparationen erzeugten ein ähnliches Muster aus Moralismus, Undurchführbarkeit und Verzögerung. Frühere Sieger hatten Entschädigungen auferlegt, weil sie gesiegt hatten. Nach 1919 fühlten sich die Alliierten gezwungen, Reparationen moralisch durch Artikel 231, die Kriegsschuldklausel, zu rechtfertigen. Den tatsächlichen Betrag verschoben sie auf spätere Expertenkommissionen. Diese Verbindung war politisch katastrophal: Die Klausel empörte die deutsche Öffentlichkeit, während das Fehlen einer festen Summe jahrelange Verhandlungen schuf. Dabei nahm der Druckhebel der Sieger stetig ab.

Als die Reparationssumme 1921 schließlich auf 132 Milliarden Goldmark festgesetzt wurde, war sie zu hoch, um realistisch zu sein. Deutschland erklärte Zahlungsunfähigkeit, und keine demokratische deutsche Regierung hätte eine vollständige Annahme der Bedingungen überlebt. Die erste Zahlung von 1921 erfolgte durch das Drucken von Papiermark und deren Verkauf gegen Devisen. Diese Methode beschleunigte die Inflation und übertrug wenig realen Reichtum. Ende 1922 verlangte Deutschland ein vierjähriges Moratorium. Da es keinen Durchsetzungsapparat für Reparationen und keinen Kontrollapparat für Abrüstung gab, war Versailles in Kissingers Formulierung weniger eine Ordnung als eine Art internationaler Kleinkrieg geworden.

Lloyd Georges Einberufung der Konferenz von Genua 1922 war ein vernünftiger Versuch, Reparationen, Kriegsschulden und Europas Erholung als ein Problem zu behandeln. Genua brachte Deutschland und die Sowjetunion in die Diplomatie, ohne das Misstrauen um sie herum zu lösen. Frankreich weigerte sich, Reparationen vollständig auf die Tagesordnung setzen zu lassen, weil es Druck zur Senkung seiner Ansprüche fürchtete. Deutschland wollte Erleichterung. Die sowjetische Regierung fürchtete, die Alliierten könnten zaristische Schulden mit deutschen Reparationen verbinden und Moskau dadurch schaden. Statt Ordnung wiederherzustellen, schuf die Konferenz den Rahmen, in dem die beiden ausgeschlossenen Mächte zueinanderfinden konnten.

Sowjetische Koexistenz und die Rückkehr der Realpolitik

Kissinger behandelt die Sowjetunion als eine neue Art diplomatischen Akteurs. In ihrer Sprengkraft war sie mit dem revolutionären Frankreich vergleichbar, in ihrem Ehrgeiz aber radikaler. Die Bolschewiki wollten nicht nur den Charakter des Staates verändern. Ihre Ideologie stellte sich das spätere Verschwinden des Staates selbst vor. Frühe sowjetische Führer glaubten, die Weltrevolution werde bald auf die Russische Revolution folgen. Daher besaßen sie kaum eine Theorie für gewöhnliche Außenpolitik unter souveränen Staaten. Trotzki stellte sich Diplomatie zunächst als Bühne vor, auf der geheime Verträge veröffentlicht, revolutionäre Appelle verbreitet und kapitalistische Regierungen diskreditiert würden.

Die Realitäten der Macht erzwangen eine schnelle Anpassung. In Brest-Litowsk versuchte Trotzki 1918, sowohl Frieden als auch fortgesetzten Krieg durch die Formel „kein Krieg, kein Frieden“ zu vermeiden. Deutschland antwortete nicht mit ideologischer Debatte, sondern mit neuen Militäroperationen. Lenin argumentierte, das revolutionäre Russland könne sein Überleben nicht auf die ungewisse Ankunft der Revolution in Deutschland setzen. Die Bolschewiki akzeptierten harte deutsche Bedingungen, weil die Alternative Zerstörung war. Diese Erfahrung schuf die sowjetische Doktrin friedlicher Koexistenz. Kissinger betont jedoch, dass die Doktrin taktisch war und keine Bekehrung zu dauerhaftem Frieden bedeutete. Koexistenz hieß, Spaltungen zwischen kapitalistischen Mächten zu nutzen, bis das Kräfteverhältnis günstiger wurde.

Bis 1920 hatten sowjetische Führer anerkannt, dass ein modus vivendi mit dem Kapitalismus vorerst notwendig war. Überleben wurde zum unmittelbaren Ziel, und nationales Interesse erschien wieder innerhalb revolutionärer Sprache. Der Russisch-Polnische Krieg verschärfte danach sowjetische Beschwerden. Polens Vormarsch auf Kiew wurde zurückgeschlagen, aber die endgültige Regelung ließ Polen Gebiet östlich der Curzon-Linie. Deutschland wiederum verübelte Polen Gewinne in Oberschlesien und den Korridor zur Ostsee. Polen verärgerte damit beide historischen Nachbarn. Die Sowjetunion verlor auch den größten Teil der alten zaristischen Grenzgebiete im Baltikum, in Finnland, in Bessarabien und an der türkischen Grenze, auch wenn sie später die Kontrolle über die Ukraine und Georgien wiederherstellte.

Deutschland kam zu parallelen Schlussfolgerungen. General Hans von Seeckt sah Polen als Schöpfung der Entente und glaubte, Deutschland habe kein Interesse daran, Polen gegen Sowjetrussland zu helfen. Die neue östliche Regelung sollte Deutschland und Russland eindämmen. Stattdessen gab sie ihnen einen gemeinsamen Gegner und ähnliche Beschwerden. Nach Versailles waren sie durch schwache Staaten getrennt, aus den inneren Räten der Regelung ausgeschlossen und durch Ressentiment gegen die von den Siegern aufgezwungene Ordnung verbunden.

Rapallo und die Logik der Ausgestoßenen

Der Vertrag von Rapallo von 1922 entstand aus dem Scheitern der Konferenz von Genua und dem schlechten Umgang der westlichen Alliierten mit den beiden Paria-Mächten. Der sowjetische Außenminister Georgi Tschitscherin stellte friedliche Koexistenz in der Sprache wirtschaftlicher Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen Gesellschaftssystemen dar. Zugleich schlug er umfassende Abrüstungs- und internationale Pläne vor, die demokratische Regierungen weder umsetzen noch leicht zurückweisen konnten. Diese Technik erlaubte Moskau, friedliebend zu erscheinen, westliche öffentliche Meinung anzusprechen und jeden Versuch einer antikommunistischen Front zu erschweren.

In Genua wurde auch die deutsche Delegation als Außenseiter behandelt. Deutsche Bitten um Treffen mit Lloyd George wurden abgewiesen. Frankreich schlug unterdessen Beratungen mit Großbritannien und der Sowjetunion vor, aus denen Deutschland ausgeschlossen worden wäre. Deutschland und die Sowjetunion fürchteten beide, in einer Regelung über Schulden und Reparationen gegeneinander benutzt zu werden. Als Tschitscherins Mitarbeiter die Deutschen am 16. April 1922 nach Rapallo einlud, passte die Gelegenheit beiden Seiten. Das Abkommen nahm diplomatische Beziehungen auf, verzichtete auf gegenseitige Ansprüche und gewährte Meistbegünstigung.

Rapallo wurde bald zum Symbol der Gefahr sowjetisch-deutscher Zusammenarbeit. Binnen eines Jahres diskutierten die beiden Länder geheime militärische und wirtschaftliche Vereinbarungen. Kissinger behandelt den Vertrag dennoch als zugleich zufällig und strukturell vorbereitet. Zufällig war er, weil keine Seite genau diesen Moment geplant hatte. Strukturell vorbereitet war er, weil Versailles die beiden größten Kontinentalmächte ausgeschlossen hatte. Der Vertrag hatte ihre Grenzgebiete zerstückelt, schwache und feindliche Staaten zwischen sie gestellt und ihnen starke Anreize gegeben, die östliche Regelung zu revidieren.

Die westlichen Demokratien waren kurzsichtig, doch Kissinger betont, dass ihre Entscheidungen nach der Abfassung von Versailles außerordentlich schwierig geworden waren. Die Verhinderung sowjetisch-deutscher Zusammenarbeit hätte von Großbritannien und Frankreich einen ernsthaften Handel mit einer der beiden ausgeschlossenen Mächte verlangt. Ein Handel mit Deutschland hätte die Revision Osteuropas und womöglich die Annahme deutscher Wiederbewaffnung erfordert. Ein Handel mit der Sowjetunion hätte Zugeständnisse in derselben Region und die Bereitschaft verlangt, das bolschewistische Russland als strategischen Partner zu behandeln. Die Sieger hatten weder die Einheit noch den Mut für solche Entscheidungen. Die Zwischenkriegsordnung blieb daher eine fragile Konstruktion, getragen von Rechtsformeln, zögerlicher Zusammenarbeit und der Hoffnung, feindliche Mächte würden isoliert bleiben. Am Ende würden Hitler und Stalin dieses Kartenhaus zerstören, indem sie Osteuropa teilten, statt einer Koalition gegeneinander beizutreten.


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