Historia Mundum

Zusammenfassung: „Die Vernunft der Nationen“ von Kissinger — Kapitel 31 — Noch einmal: Zur Frage einer neuen Weltordnung

Nahaufnahme des Buchcovers von Henry Kissingers Diplomacy. Das Bild zeigt große braune Serifenschrift mit dem Namen Henry Kissinger in der oberen Hälfte, eine dünne schwarze horizontale Linie in der Mitte und darunter den roten Serifen-Titel Diplomacy auf schlichtem weißem Hintergrund, ohne Personen, Raum, Landschaft oder historische Szene.

Das Titelbild verankert diese Kapitelzusammenfassung in Kissingers größerer Studie über Diplomatie und internationale Ordnung.

1994 veröffentlichte Henry Kissinger das Buch "Die Vernunft der Nationen". Er war ein renommierter Gelehrter und Diplomat, der als Nationaler Sicherheitsberater und Außenminister der Vereinigten Staaten diente. Sein Buch bietet einen umfassenden Überblick über die Geschichte der Außenpolitik und die Kunst der Diplomatie, mit besonderem Schwerpunkt auf dem 20. Jahrhundert und der westlichen Welt. Kissinger, bekannt für seine Zugehörigkeit zur realistischen Schule der internationalen Beziehungen, untersucht die Konzepte des Gleichgewichts der Mächte, der Staatsräson und der Realpolitik in verschiedenen Epochen.

Sein Werk wurde weithin für seinen Umfang und seine Detailgenauigkeit gelobt. Es wurde jedoch auch kritisiert, weil es sich auf Individuen statt auf strukturelle Kräfte konzentriert und eine reduktionistische Sicht der Geschichte darstellt. Kritiker haben auch darauf hingewiesen, dass das Buch sich übermäßig auf Kissingers persönliche Rolle bei Ereignissen konzentriert und möglicherweise seinen Einfluss überbewertet. In jedem Fall sind seine Ideen eine Überlegung wert.

Dieser Artikel präsentiert eine Zusammenfassung von Kissingers Ideen im einunddreißigsten Kapitel seines Buches mit dem Titel "Noch einmal: Zur Frage einer neuen Weltordnung".

Sie finden alle verfügbaren Zusammenfassungen dieses Buches, oder Sie können die Zusammenfassung des vorherigen Kapitels des Buches lesen, indem Sie auf diese Links klicken.


Wilsonscher Triumph und die Rückkehr eines älteren diplomatischen Problems

Zu Beginn der 1990er Jahre schien der Wilsonianismus das zentrale Argument des 20. Jahrhunderts gewonnen zu haben. Der Kommunismus war als Ideologie moralisch besiegt, und die sowjetische Macht war als geopolitische Bedrohung zusammengebrochen. Da sich beide Kämpfe während des Kalten Krieges verbunden hatten, konnten die Vereinigten Staaten leicht glauben, der Sieg ihrer Prinzipien und der Sieg ihrer Strategie seien dasselbe Ereignis. George H. W. Bush beschrieb die kommende Ordnung als Partnerschaft unter dem Recht, mit kollektivem Handeln und geteilten Lasten. Dazu kamen Demokratie, Wohlstand, Frieden und Rüstungsabbau. Bill Clinton gab demselben Impuls eine neue Formel, indem er die Erweiterung der Gemeinschaft der Marktdemokratien forderte. In Kissingers Lesart sprachen beide Präsidenten aus einer erkennbar wilsonschen Überzeugung heraus: die innere Erfahrung der Vereinigten Staaten enthalte Prinzipien, die die Welt ordnen könnten.

Es war das dritte Mal im 20. Jahrhundert, dass die Vereinigten Staaten eine neue Weltordnung definieren wollten, indem sie ihre eigenen Werte verallgemeinerten. 1918 schien Woodrow Wilson die Pariser Friedenskonferenz zu beherrschen, teils weil Amerikas Verbündete zu sehr von amerikanischer Macht abhingen, um ihre Zweifel offen vorzubringen. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges schienen Franklin Roosevelt und Harry Truman ebenfalls über die Mittel zu verfügen, das internationale System nach amerikanischen Annahmen umzuformen. Nach dem Kalten Krieg war die Versuchung noch größer, weil die Vereinigten Staaten die einzige verbliebene Supermacht waren und in jeder Region handeln konnten. Gleichwohl argumentiert Kissinger, dass die neue Lage weniger einfach war, als die amerikanische Rhetorik nahelegte. Die militärische Überlegenheit blieb real. Macht war zugleich diffuser geworden, und weniger Probleme ließen sich durch direkte militärische Gewalt lösen.

Der Kalte Krieg hatte eine ordnende Bedrohung geliefert, die amerikanische Entscheidungen vereinfachte. Als diese Bedrohung verschwand, gewannen Staaten wieder Raum, unmittelbarere nationale Interessen zu verfolgen. Kissinger vergleicht die Welt nach dem Kalten Krieg deshalb weniger mit einer von den Vereinigten Staaten geführten Rechtsgemeinschaft als mit dem europäischen Staatensystem des 18. und 19. Jahrhunderts. In einer solchen Welt entsteht Ordnung nicht automatisch aus gemeinsamen Idealen. Sie muss durch die Aussöhnung widerstreitender Interessen zwischen mehreren Großmächten und vielen kleineren Staaten hergestellt werden. Bush und Clinton sprachen, als sei die neue Ordnung nahezu vorhanden, doch Kissinger besteht darauf, dass sie sich noch bildete und ihre endgültige Struktur erst Jahre später sichtbar werden würde.

Für Kissinger muss jede internationale Ordnung drei Fragen beantworten: welche Grundeinheiten das System hat, wie sie miteinander umgehen und welche Ziele sie verfolgen. Diese Fragen waren nach dem Kalten Krieg ungewöhnlich instabil geworden. Das westfälische System hatte etwa anderthalb Jahrhunderte gedauert, die Wiener Ordnung etwa ein Jahrhundert und die Ordnung des Kalten Krieges etwa vier Jahrzehnte. Die Versailler Ordnung funktionierte kaum als stabiles System. Die schrumpfende Dauer internationaler Systeme deutete darauf hin, dass sich moderner Wandel beschleunigte. Wichtiger noch: die Welt nach dem Kalten Krieg veränderte zugleich die Einheiten, Methoden und Zwecke der Diplomatie, und das in globalem Maßstab.

Frühere Umbrüche hatten ähnliche Wandlungen im Charakter politischer Einheiten begleitet. Der Dreißigjährige Krieg begleitete die Bewegung zur Staatsräson. Die Französischen Revolutionskriege markierten den Aufstieg des Nationalstaates. Die Kriege des 20. Jahrhunderts hingen mit imperialem Zusammenbruch, der Schwächung europäischer Vorherrschaft und der Entkolonialisierung zusammen. Die Zeit nach dem Kalten Krieg gehörte zu derselben Übergangskategorie, weil sie die Zahl der Akteure vervielfachte und zugleich ältere Annahmen darüber schwächte, was eine Nation war.

Neue Arten von Staaten in einem globalen System

Seit dem Wiener Kongress hatte Diplomatie gewöhnlich Beziehungen zwischen Nationen bedeutet. Doch der europäische Nationalstaat des 19. Jahrhunderts war eine bestimmte historische Form, keine allgemeine Regel. Er setzte eine relativ enge Verbindung zwischen Territorium, Sprache, Kultur, Sicherheit und Wirtschaftsleben voraus. Schon das Auftreten einer großen neuen Nation, des geeinten Deutschlands, hatte Europa jahrzehntelang erschüttert. Nach 1945 traten fast hundert neue Staaten in das internationale System ein, viele von ihnen mit ganz anderen Grundlagen als der historische europäische Nationalstaat. Der Zusammenbruch der Sowjetunion und Jugoslawiens brachte weitere Staaten hervor, von denen einige gewaltsame Kränkungen wiederbelebten, die weit vor den Kalten Krieg zurückreichten.

Kissinger unterscheidet drei breite Typen von Staaten, die sich alle Nationen nennen und vom europäischen Modell des 19. Jahrhunderts abweichen. Der erste besteht aus ethnischen Bruchstücken zerfallender Imperien, etwa den Nachfolgestaaten Jugoslawiens und Teilen der früheren Sowjetunion. Solche Staaten sind häufig mit Identität, Erinnerung, Gebietsansprüchen und historischen Verletzungen beschäftigt. Ihre Führungen und Bevölkerungen können weit stärker daran interessiert sein, lokale ethnische Kämpfe zu gewinnen, als zu einer größeren internationalen Ordnung beizutragen.

Der zweite Typ besteht aus postkolonialen Staaten, deren Grenzen oft administrative Zweckmäßigkeit statt nationaler Geschlossenheit widerspiegeln. Kissinger nutzt das französische und belgische Afrika, um die Willkür imperialer Grenzziehungen zu zeigen: Ein Imperium teilte eine lange Küste in viele Einheiten, während ein anderes den riesigen Kongo als ein einziges Territorium regierte. Nach der Unabhängigkeit besaßen viele solcher Einheiten nur eine Institution mit Anspruch auf landesweite Reichweite: die Armee. Wenn dieser Anspruch der Armee zusammenbrach, folgte oft Bürgerkrieg. Würden wilsonsche Selbstbestimmung oder Maßstäbe des 19. Jahrhunderts wörtlich angewandt, wären die daraus folgenden Grenzrevisionen radikal und unvorhersehbar. Bestehende Grenzen zu bewahren konnte Gesellschaften aber auch in fragile Staaten einschließen, deren Alternative gewaltsame Zersplitterung war.

Der dritte Typ besteht aus kontinentalen Staaten, die für die neue Weltordnung voraussichtlich zentral sein würden. Indien, China, die Vereinigten Staaten, die Sowjetunion und ihre russische Nachfolgerin passen nicht in das alte europäische Muster. Indien enthält viele Sprachen, Religionen und Nationalitäten; China wird weniger durch sprachliche Einheit als durch Schrift, Zivilisation und historische Erinnerung zusammengehalten; die Vereinigten Staaten schufen aus einer vielfältigen Bevölkerung eine zusammenhängende Kultur. Die Sowjetunion war ein Imperium der Nationalitäten, und die Russische Föderation erbte die Gefahr entweder des Zerfalls oder erneuter imperialer Selbstbehauptung. Diese großen zusammengesetzten Staaten verwischen die alte Grenze zwischen Innen- und Außenpolitik.

Auch die globale Reichweite der Technologie hat die Diplomatie verändert. Frühere Zivilisationen konnten mit geringer direkter Berührung nebeneinander bestehen; die Macht Frankreichs und Chinas ließ sich zum Beispiel kaum sinnvoll vergleichen, solange keine von beiden die andere direkt beeinflussen konnte. Die europäische Expansion machte später die Zukunft anderer Kontinente stark von europäischen Berechnungen abhängig. Am Ende des 20. Jahrhunderts hatte jedoch keine frühere Ordnung große Machtzentren auf der ganzen Erde umfasst. Diplomaten hatten auch nie zuvor in einer Welt gearbeitet, in der Staats- und Regierungschefs wie Öffentlichkeiten entfernte Ereignisse fast sofort und gleichzeitig erleben konnten. Das Problem ging daher über die größere Zahl von Staaten hinaus. Diese Staaten interagierten schneller, weiter und unter größerem öffentlichen Druck als zuvor.

Diese Veränderungen erzwingen die Frage, ob wilsonsche Ideen die Eindämmung als Leitprinzip amerikanischer Außenpolitik ersetzen können. Kissinger antwortet mit einem abgewogenen Urteil. Der Wilsonianismus inspirierte einige der konstruktivsten amerikanischen Politiken des 20. Jahrhunderts. Dazu gehörten der Marshallplan, die Verteidigung Westeuropas und die Eindämmung des Kommunismus. Der Völkerbund blieb eine frühere Zielvorstellung, die Vereinten Nationen eine spätere institutionelle Ausprägung. Zugleich brachte der Wilsonianismus ernste Gefahren hervor. Ethnische Selbstbestimmung, von Machtwirklichkeiten gelöst, ermutigte destabilisierende Ansprüche. Kollektive Sicherheit blieb schwach, wenn ihr Durchsetzung fehlte. Rechtliche Kriegsverzichte wie der Kellogg-Briand-Pakt scheiterten an bewaffneten Aggressoren. Derselbe missionarische Impuls, der schöpferische Politik hervorbrachte, konnte auch zu Kreuzzügen führen, wobei Vietnam die zentrale Warnung war.

Macht, Demokratie und die Notwendigkeit der Auswahl

Das Ende des Kalten Krieges begünstigte die Rede von einer unipolaren Welt, doch Kissinger argumentiert, dass die Vereinigten Staaten die globale Tagesordnung nicht diktieren konnten. Sie waren vorherrschender als zuvor. Ihre Fähigkeit, Macht in Ergebnisse zu verwandeln, hatte jedoch abgenommen, weil sich Macht selbst auf mehr Akteure und mehr Formen verteilt hatte. Kollektive Sicherheit wurde nach dem Sieg ebenfalls schwieriger. Ohne eine einzige beherrschende Bedrohung definierten Großmächte Gefahren nicht auf dieselbe Weise und akzeptierten nicht dieselben Risiken, um ihnen entgegenzutreten. Die internationale Gemeinschaft fühlte sich mit Friedenssicherung wohler, verstanden als Überwachung einer bestehenden Vereinbarung, als mit Friedensschaffung, die die Unterdrückung einer Herausforderung der Ordnung verlangte. Selbst Washington hatte noch nicht definiert, was es in der Welt nach dem Kalten Krieg allein bekämpfen würde.

Wilsons Außenpolitik beruht auf amerikanischem Exzeptionalismus: dem Glauben, dass die Vereinigten Staaten ungewöhnliche Tugend mit ungewöhnlicher Macht verbinden und deshalb weltweit für universelle Werte kämpfen können. Kissinger räumt dieser Tradition großes Gewicht ein und erwartet zugleich, dass das kommende Jahrhundert die Vereinigten Staaten praktisch weniger außergewöhnlich machen würde. Ihre militärische Macht bliebe unerreicht. Die Bereitschaft, sie in kleinen und mehrdeutigen Konflikten wie Bosnien, Somalia oder Haiti einzusetzen, wäre begrenzt. Ihre Wirtschaft bliebe groß, doch Reichtum und die Technologie der Reichtumsbildung würden sich ausbreiten. Amerika bliebe das stärkste Land, zunehmend als Erster unter Gleichen und als Macht innerhalb normaler Beschränkungen.

Diese Entwicklung sollte nicht als Demütigung oder Niedergang missverstanden werden. Während des größten Teils ihrer Geschichte waren die Vereinigten Staaten eine Nation unter anderen; ihre beherrschende Supermachtstellung war die Ausnahme. Der Aufstieg Westeuropas, Japans und Chinas sollte Amerikaner nicht erschrecken. Amerikanische Politik seit dem Marshallplan zielte oft darauf ab, andere Gesellschaften stärker und wohlhabender werden zu lassen. Das Problem war begrifflich: Wenn wilsonscher Exzeptionalismus weniger relevant und seine üblichen Instrumente weniger praktikabel wurden, brauchten die Vereinigten Staaten ein anderes Ordnungsprinzip.

Kissinger findet dieses Prinzip in einer Verbindung von nationalem Interesse, Gleichgewicht der Kräfte und moralischem Zweck. Amerikaner haben Richelieus Lehre der Staatsräson lange missbilligt, der zufolge das Staatsinteresse die Mittel rechtfertigt, mit denen es verfolgt wird. Sie fühlten sich auch unwohl damit zuzugeben, dass sie interessengeleitete Politik betreiben, selbst wenn sie es offenkundig getan haben. Die frühe Republik ging geschickt mit europäischen Mächten um, und die Westexpansion wurde in der Sprache des Manifest Destiny verfolgt. Dennoch erklärten amerikanische Führer Kriege und Interventionen gewöhnlich als Kämpfe um Prinzipien statt um Interessen. Kissinger argumentiert, dass diese Zurückhaltung dem Land nicht länger dienen würde. Das nächste Jahrhundert verlange Führungspersönlichkeiten, die nationale Interessen öffentlich definieren und erklären, wie regionale Gleichgewichte in Europa und Asien diesen Interessen dienten.

Die dauerhafteste moderne Ordnung, die nach dem Wiener Kongress entstand, verband Legitimität mit Gleichgewicht. Gemeinsame Werte zügelten die Forderungen der Staaten, während das Gleichgewicht der Kräfte ihre Fähigkeit begrenzte, anderen Forderungen aufzuerlegen. Kissinger sieht diese Verbindung als fehlendes Element einer rein wilsonschen Politik. Das Wachstum der Demokratie sollte ein beherrschendes amerikanisches Ziel bleiben, doch Demokratie entsteht unter sozialen Bedingungen, die sich je nach Region stark unterscheiden. Westliche Demokratie entwickelte sich in relativ geschlossenen Gesellschaften, in denen die Nation oder wenigstens ein starker gesellschaftlicher Konsens dem modernen Staat vorausging. Parteien konnten deshalb an der Macht wechseln, weil sie einen zugrunde liegenden nationalen Rahmen akzeptierten.

In vielen anderen Regionen ging der Staat der Nation voraus und blieb der wichtigste Akteur, der eine solche Nation zu schaffen versuchte. Parteien vertraten oft feste Gemeinschaftsidentitäten statt vorübergehender politischer Koalitionen. Mehrheiten und Minderheiten konnten dauerhaft sein, wodurch Politik zum Kampf um Herrschaft statt zu einem System des Wechsels wurde. Unter solchen Bedingungen wurde Opposition leicht als Verrat behandelt, und die Vorstellung einer loyalen Opposition fasste selten Wurzeln. Washington sollte demokratische Regierungen bevorzugen und für Menschenrechte und Freiheit einen gewissen Preis zahlen. Kissinger besteht jedoch darauf, dass dieser Preis gegen Sicherheit, Ressourcen und geopolitisches Gleichgewicht abgewogen werden muss. Moralische Verpflichtungen, die die verfügbaren Mittel übersteigen, schwächen Glaubwürdigkeit und können Enttäuschung und Rückzug hervorbringen.

Das nötige Gleichgewicht lässt sich nicht abstrakt festlegen. Es beginnt mit der Definition vitaler Interessen: Veränderungen im internationalen Umfeld, die so gefährlich sind, dass ihnen unabhängig von ihrer Form oder Begründung widerstanden werden muss. Großbritannien behandelte die Kontrolle der Kanalhäfen historisch als ein solches Interesse. Die Monroe-Doktrin erfüllte für die Vereinigten Staaten in der westlichen Hemisphäre eine vergleichbare Funktion. Der Wilsonianismus verlagerte später den Akzent von Interessen auf den Widerstand gegen Aggression und illegale Gewalt. Kissinger hält beide Formeln für unzureichend. Die Monroe-Doktrin ist für eine Weltmacht zu eng; wilsonsche Legalität ist zu vage und zu legalistisch. Die Kontroversen um militärische Aktionen nach dem Kalten Krieg zeigten, dass noch kein nationaler Konsens darüber bestand, wo die Grenze zu ziehen sei.

Russland, Reform und imperiales Erbe

Kissinger definiert die grundlegende strategische Gefahr der Vereinigten Staaten in geopolitischen Begriffen. Amerika ist eine Insel vor Eurasien, dessen Ressourcen und Bevölkerung die eigenen übersteigen. Die Beherrschung Europas oder Asiens durch eine einzige Macht bliebe eine Bedrohung, auch wenn die beherrschende Macht zunächst wohlwollend erschiene. Absichten können sich ändern. Sobald eine feindliche Macht eine große eurasische Sphäre kontrolliert, würde Amerikas Fähigkeit geschwächt, Ereignissen zu widerstehen oder sie zu formen. Dieses Prinzip überlebte den Kalten Krieg, weil es nicht allein von kommunistischer Ideologie abhing.

Russland nimmt deshalb in Kissingers Analyse einen zentralen Platz ein. Amerikanische Hoffnungen nach dem Kalten Krieg ruhten stark auf der Vorstellung, ein demokratisches und marktorientiertes Russland werde Frieden sichern. Washington behandelte die Unterstützung russischer Reformen als Hauptaufgabe und zog dabei oft Analogien zum Marshallplan. Kissinger kritisiert diesen Ansatz, weil er sich auf russische Absichten und innere Entwicklung konzentrierte, während russische Fähigkeiten, Geografie und imperiale Tradition in den Hintergrund traten. Aus seiner Sicht suchte amerikanische Politik wiederholt Beruhigung in der Bekehrung oder Mäßigung russischer Führer, von Roosevelts Hoffnungen auf Stalin bis zu Debatten des Kalten Krieges darüber, ob sich sowjetische Zwecke geändert hätten. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus nahm Washington zu oft an, feindliche Interessen seien zusammen mit feindlicher Ideologie verschwunden.

Geopolitische Analyse führte zu einer vorsichtigeren Schlussfolgerung. Russland besetzte das von Halford Mackinder beschriebene Kernland und erbte eine der mächtigsten imperialen Traditionen der Welt. Selbst wenn eine moralische Transformation stattfände, würde sie Zeit brauchen, und amerikanische Politik sollte sich gegen ungünstige Ergebnisse absichern. Wirtschaftshilfe konnte Leid mindern und Reformen unterstützen. Den Marshallplan konnte sie unter russischen Bedingungen nicht wiederholen. Das westliche Europa der Nachkriegszeit besaß funktionierende Märkte und etablierte Verwaltungen. In vielen Ländern gab es demokratische Gewohnheiten und eine gemeinsame sowjetische Bedrohung; dem postkommunistischen Russland fehlten diese Bedingungen. Hilfe und Beratung waren nützliche Instrumente. Gegenüber einem historisch expansionistischen Staat blieb die Erhaltung des Gleichgewichts der Kräfte notwendig.

Der Zerfall der Sowjetunion ähnelte dem Niedergang anderer Imperien, und den Niedergang von Imperien zu bewältigen gehört zu den schwierigsten Aufgaben der Diplomatie. Zusammenbrechende Imperien schaffen zwei Gefahren zugleich: Nachbarn versuchen, Schwäche auszunutzen, während das alte imperiale Zentrum versucht, an der Peripherie Autorität wiederherzustellen. Beide Dynamiken zeigten sich im früheren sowjetischen Raum. Iran und die Türkei suchten Einfluss im muslimischen Zentralasien, doch die dominierende Bewegung war Russlands Bemühen, die Vorrangstellung in Gebieten wieder geltend zu machen, die einst von Moskau kontrolliert worden waren. Unter der Sprache der Friedenssicherung versuchte Russland, Vormundschaft neu zu schaffen. Die Vereinigten Staaten konzentrierten sich auf das reformerische Bild der Regierung Jelzin und neigten dazu, sich zu fügen. Washington bot der Unabhängigkeit und dem internationalen Rang der meisten Nachfolgerepubliken wenig Unterstützung; die baltischen Staaten waren die Ausnahme.

Kissinger argumentiert, Amerika habe zwei verschiedene Revolutionen verwechselt. Antikommunismus wurde in der früheren Sowjetunion weithin unterstützt, auch in Russland. Antiimperialismus richtete sich gegen russische Vorherrschaft und war in den nicht russischen Republiken populär. Unter vielen Russen war er zutiefst unpopulär. Die russische politische Kultur hatte den Staat lange als Träger einer zivilisatorischen Mission verstanden. Viele Führer weigerten sich, die Legitimität der Nachfolgestaaten zu akzeptieren, besonders die der Ukraine. Kissinger verweist sogar auf Aleksandr Solschenizyns Bereitschaft, einen Kern aus Ukraine, Belarus und großen Teilen Kasachstans unter Moskauer Einfluss zu halten. Für Kissinger zeigt dies, dass Antikommunismus nicht notwendig Antiimperialismus bedeutete. Im früheren sowjetischen Raum war nicht jeder Antikommunist Demokrat, und nicht jeder Demokrat lehnte russische imperiale Ansprüche ab.

Eine realistische Politik würde anerkennen, dass selbst Jelzins reformerische Regierung russische Streitkräfte in vielen früheren Sowjetrepubliken hielt, manchmal gegen den Wunsch dieser Regierungen. Russische Truppen nahmen an Bürgerkriegen teil, und Moskaus Anspruch auf ein Monopol der Friedenssicherung im nahen Ausland ähnelte dem Versuch, imperiale Kontrolle wiederherzustellen. Russland hatte besondere Sicherheitsinteressen entlang seiner Grenzen, doch diese Interessen mussten ohne einseitige Intervention oder militärischen Druck befriedigt werden. Zusammenarbeit mit Russland war in Bereichen wie dem Widerstand gegen iranischen Fundamentalismus in Zentralasien möglich. Akzeptanz russischer Vorherrschaft durfte daraus nicht folgen.

Kissinger bezweifelt auch, dass sich Demokratie und Zurückhaltung in Russland automatisch gemeinsam entwickeln würden. Russland hatte viele prägende westliche Erfahrungen verpasst: eine autonome Kirche, die Reformation, die Aufklärung, das Zeitalter der Entdeckungen und moderne Marktwirtschaft. Seine Führer waren meist unter dem Kommunismus aufgestiegen und praktizierten Pluralismus nicht instinktiv. Der Übergang von zentraler Planung zu Märkten war schmerzhaft, und die sozialen Kosten der Austerität stärkten kommunistische und nationalistische Parteien. Die Parlamentswahlen vom Dezember 1993, bei denen Kommunisten und Nationalisten zusammen fast die Hälfte der Stimmen gewannen, zeigten die Zerbrechlichkeit der Reform. Selbst aufrichtige Reformer konnten russischen Nationalismus als einigende Kraft nutzen, und russischer Nationalismus war historisch missionarisch und imperial gewesen.

Aus diesem Grund sollte amerikanische Politik nicht alles auf persönliche Beziehungen zu Gorbatschow oder Jelzin setzen. Kissinger kritisiert Bush dafür, den Zerfall von Gorbatschows Sowjetunion beklagt zu haben, und Clinton dafür, Bemühungen zur Wiederherstellung einer russischen Einflusssphäre zu dulden. Reformführer als persönliche Garanten friedlicher Politik zu behandeln machte amerikanische Strategie zur Geisel russischer Innenpolitik. Eine bessere Politik würde Unterstützung für russische Demokratie und Märkte mit Gegengewichten gegen Expansion verbinden. Sie würde Russland in Institutionen wirtschaftlicher, kultureller und politischer Zusammenarbeit willkommen heißen und zugleich die Unabhängigkeit der neuen Republiken nicht herabstufen. Russland musste in das internationale System integriert werden, aber Integration erforderte Disziplinen ebenso wie Vorteile.

Das atlantische Bündnis und das europäische Gleichgewicht

Die Politik, die einem allgemein anerkannten vitalen amerikanischen Interesse am nächsten kam, war die Verteidigung des atlantischen Raums. Die NATO wurde oft in wilsonscher Sprache als kollektive Sicherheit begründet, doch Kissinger betont, dass sie auch einem klassischen geopolitischen Zweck diente: sowjetische Vorherrschaft in Europa zu verhindern und die Machtzentren Europas und Asiens davon abzuhalten, unter feindliche Kontrolle zu geraten. Deshalb verband die NATO moralische und strategische Ziele erfolgreicher als die meisten amerikanischen Politiken. Sie band die Vereinigten Staaten durch dauernde Konsultation und integriertes Kommando an Europa und schuf eine Koalitionsstruktur von ungewöhnlicher Dauerhaftigkeit.

Nach dem Sieg im Kalten Krieg begann die Atlantische Gemeinschaft jedoch den Fokus zu verlieren. Kissinger hält das für gefährlich. Die Vereinigten Staaten schienen Gesellschaften, die ihnen in Institutionen und Werten am nächsten standen, weniger Aufmerksamkeit zu schenken, während sie sich in anderen Regionen absorbieren ließen. Die Begründer der atlantischen Beziehung hatten verstanden, dass Amerika ohne Bindungen an Europa einer Welt gegenüberstünde, in der es außerhalb der westlichen Hemisphäre nur wenige tiefe moralische und historische Bindungen hätte. Das würde es zu einer reinen Realpolitik drängen, die mit seiner eigenen Tradition unvereinbar wäre. Europa hatte zudem häufiger mit den Vereinigten Staaten kooperiert, als Beschwerden nach dem Kalten Krieg nahelegten. Französische und britische Streitkräfte standen in Bosnien am Boden, als amerikanische Truppen es nicht taten, und Großbritannien und Frankreich stellten im Golfkrieg die wichtigsten nicht amerikanischen Kontingente.

Die Aufgabe bestand darin, NATO und Europäische Union anzupassen. Die NATO wurde geschaffen, als sowjetische Streitkräfte in Mitteleuropa standen und Westeuropa vom amerikanischen Schutz abhing. Ihre Institutionen spiegelten weiterhin amerikanisches Militärkommando und amerikanischen Widerstand gegen eine getrennte europäische Verteidigungsidentität wider. Die Europäische Union entstand dagegen aus der Notwendigkeit, Europa vor dem Abgleiten in Bedeutungslosigkeit zu bewahren und Deutschland in einen westlichen Rahmen einzubinden. Sie begann mit sechs Mitgliedern, wuchs auf zwölf und bewegte sich in Richtung Erweiterung nach Skandinavien, Österreich und schließlich Teilen Osteuropas.

Beide Institutionen waren durch den sowjetischen Zusammenbruch und die deutsche Einheit erschüttert worden. Die russische Armee stand nicht mehr an der Elbe, und ein Angriff auf Westeuropa war kurzfristig unwahrscheinlich. Doch russische Bemühungen, Einfluss wieder geltend zu machen, weckten alte Ängste nahe der russischen Grenzen. Deren Führer zogen Jelzin seinen Gegnern vor. Sein Reformismus galt ihnen als vorläufige, nicht als dauerhafte Antwort auf ihre Unsicherheit. Die deutsche Einheit verstärkte die Angst der Länder zwischen Deutschland und Russland, weil diese beiden Mächte die Länder zwischen ihnen historisch entweder geteilt oder über sie hinweg Krieg geführt hatten. Die Länder Mittel- und Osteuropas wollten deshalb amerikanischen Schutz durch die NATO.

Die deutsche Wiedervereinigung erschütterte auch den inneren Handel der europäischen Integration. Während des Kalten Krieges akzeptierte Westdeutschland die französische politische Führung in der Europäischen Gemeinschaft im Austausch für eine starke Stimme in Wirtschaftsfragen, während die amerikanische Führung es strategisch in der NATO verankerte. Mit der Zeit erwartete Kissinger drei Veränderungen. Europa werde wirtschaftlich selbstbewusster, Amerika weniger opferbereit für europäische Sicherheit und Deutschland politisch ehrgeiziger entsprechend seiner Stärke. Helmut Kohl gehörte noch zur Adenauer-Tradition, mit persönlichen Erinnerungen an Krieg und Wiederaufbau. Die nächste Generation hätte weniger emotionale Gründe, Amerika, Frankreich oder supranationalen Institutionen den Vorrang zu lassen.

Dies machte amerikanisches Engagement in Europa noch notwendiger. Deutschland war zu stark, als dass bestehende europäische Institutionen allein es bequem mit seinen Nachbarn ausbalancieren könnten. Europa konnte auch weder eine russische Wiedererstarkung noch einen russischen Zusammenbruch allein bewältigen. Kein Land profitierte davon, wenn Deutschland und Russland einander als wichtigsten Partner oder wichtigsten Gegner fixierten. Eine zu enge Beziehung würde Ängste vor einem Kondominium wecken; Feindschaft würde eskalierende Krisen im Zentrum Europas erzeugen. Ohne Amerika könnten Großbritannien und Frankreich das westeuropäische Gleichgewicht nicht aufrechterhalten. Deutschland könnte zum Nationalismus versucht werden, und Russland hätte keinen globalen Gesprächspartner. Ohne Europa würden die Vereinigten Staaten wörtlicher und psychologisch stärker zu einer Insel vor Eurasien.

Kissinger identifiziert drei atlantische Probleme. Das erste betraf die inneren Beziehungen im alten Bündnis. Das zweite betraf die früheren sowjetischen Satelliten Osteuropas, das dritte die Beziehungen zu den Nachfolgestaaten der Sowjetunion, besonders Russland. Das innere Problem war von der langen Spannung zwischen amerikanischen und französischen Vorstellungen geprägt. Amerika verteidigte die NATO-Integration als Ausdruck alliierter Einheit, während Frankreich europäische Autonomie suchte und das integrierte Kommando als Zeichen amerikanischer Vorherrschaft betrachtete. Die Meinungsverschiedenheit wiederholte einen tieferen Gegensatz zwischen wilsonschen Annahmen von Harmonie und Richelieus Tradition berechneter Interessen. Amerika hielt europäische Autonomie für unnötig oder gefährlich, wenn die Ziele wirklich geteilt wurden; Frankreich hielt amerikanisches Unbehagen für den Ausdruck eines Herrschaftswunsches.

Keine der beiden Traditionen konnte das neue Problem allein lösen. Ein rein richelieuscher Ansatz würde nationale Rivalitäten innerhalb Europas fördern. Ungemilderter Wilsonianismus würde europäische Identität schwächen, indem er Autonomie verdächtig erscheinen ließe. Europa sollte sich nicht durch Opposition zu den Vereinigten Staaten definieren, weil dies sowohl europäische Einheit als auch atlantischen Zusammenhalt beschädigen würde. Zugleich sollten die Vereinigten Staaten eine stärkere europäische Identität innerhalb der NATO nicht fürchten, weil groß angelegte europäische Militäroperationen weiterhin amerikanische politische und logistische Unterstützung benötigen würden. Einheit hängt letztlich weniger von Kommandomechanismen als von gemeinsamen politischen und sicherheitspolitischen Interessen ab.

Osteuropa, NATO und die Partnerschaft für den Frieden

Osteuropa und die früheren Sowjetrepubliken stellten verwandte, aber unterschiedliche Probleme. Osteuropa war von der Roten Armee besetzt worden und identifizierte sich kulturell und politisch mit Westeuropa, besonders in den Visegrád-Ländern Polen, Tschechien, Ungarn und der Slowakei. Ohne institutionelle Bindungen an den Westen drohten diese Staaten zu einem Niemandsland zwischen Deutschland und Russland zu werden. Ihre Lebensfähigkeit erforderte Mitgliedschaft in der Europäischen Union, ihre Sicherheit erforderte die NATO. Kissinger argumentiert, dass die Mitgliedschaft in der einen Institution logisch die Mitgliedschaft in der anderen implizierte, weil die meisten Mitglieder der Europäischen Union auch der NATO angehörten und einen Angriff auf einen integrierten Partner kaum ignorieren konnten.

Die Vereinigten Staaten und Westeuropa verzögerten beide Formen der Mitgliedschaft aus verschiedenen Gründen. Europa akzeptierte das Prinzip der Osterweiterung der Europäischen Union, band sie jedoch an wirtschaftliche Reformen. Dadurch wurde die Angelegenheit zu einem technischen und schrittweisen Prozess. Das amerikanische Zögern bei der NATO-Erweiterung war grundsätzlicher. Clinton warnte davor, eine neue Linie zwischen Ost und West zu ziehen, und schlug die Partnerschaft für den Frieden als alternativen Rahmen vor, der sowohl frühere Sowjetrepubliken als auch frühere sowjetische Satelliten einschloss. Kissinger interpretiert dies als Mischung aus wilsonscher kollektiver Sicherheit und der alten Kritik an der Eindämmung: Opfer und Täter des sowjetischen Imperialismus wurden derselben Sicherheitskategorie zugeordnet.

Kissinger sieht die Partnerschaft für den Frieden als Analogon zu Locarno in den 1920er Jahren, als schwache Brücke zu einem Bündnis. Sie drohte zwei Arten europäischer Grenzen zu schaffen: solche, die durch Sicherheitsgarantien geschützt waren, und solche, die ausdrücklich außerhalb dieser Garantien blieben. Diese Mehrdeutigkeit konnte Aggressoren reizen und exponierte Staaten entmutigen. Beim Versuch, Konfrontation zu vermeiden, könnte der Westen gerade das strategische Vakuum in Mittel- und Osteuropa schaffen, das so oft europäische Konflikte erzeugt hatte. Zudem konnte die Anbindung der Partnerschaft an die NATO das Bündnis schwächen. Sie hätte es in Missionen ohne realistischen Sicherheitszweck abgelenkt und zugleich Osteuropa unberuhigt und Russland unbesänftigt gelassen.

Kissinger befürwortet eine breitere Institution für Zusammenarbeit mit Russland und den übrigen Nachfolgestaaten, solange Sicherheitsgarantien von kooperativen Projekten getrennt werden. Wirtschaftliche Entwicklung, Bildung, Kultur und politischer Kontakt könnten durch Einrichtungen wie die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa organisiert werden, vielleicht unter dem Namen Partnerschaft für den Frieden. Die NATO würde den Sicherheitsschirm und den politischen Rahmen für den atlantischen Raum und die neuen Demokratien Osteuropas liefern. Die Europäische Union würde die Mitgliedschaft früherer sowjetischer Satelliten beschleunigen. Der Nordatlantische Kooperationsrat und eine erweiterte europäische Sicherheitskonferenz würden Russland und die früheren Sowjetrepubliken mit der atlantischen Struktur verbinden. Wenn Russland innerhalb seiner Grenzen bliebe, könnten gemeinsame wirtschaftliche und politische Projekte allmählich die Ost-West-Beziehungen dominieren.

Dieser Entwurf spiegelte eine breitere Sicht auf die atlantische Beziehung wider. Ihre Zukunft lag in der Verwaltung der Ost-West-Beziehungen und in der Hilfe für die Vereinigten Staaten bei den unsicheren Kräften des 21. Jahrhunderts. Die wichtigste Herausforderung konnte Russland sein, China, fundamentalistischer Islam oder eine Verbindung dieser Faktoren. Die alte Kategorie der „Out-of-area“-Fragen würde für das Bündnis zentral werden. Amerikas Fähigkeit, mit globaler Instabilität umzugehen, wäre stärker, wenn sie von den Demokratien des Nordatlantiks getragen würde.

Asien und die Welt des Gleichgewichts der Kräfte

Asien bot eine andere diplomatische Landschaft als Europa. Clintons Vorschlag einer Pazifischen Gemeinschaft spiegelte wachsendes amerikanisches Interesse an der Region wider, doch Kissinger argumentiert, dass der Begriff Gemeinschaft nur schwach zu Asien passte. Europa besaß gemeinsame Institutionen; die großen asiatischen Staaten sahen sich als eigenständig, wettbewerbsorientiert und historisch misstrauisch gegeneinander. Ihre Beziehungen ähnelten eher der europäischen Gleichgewichtsdiplomatie des 19. Jahrhunderts als wilsonscher kollektiver Sicherheit. Jede große Zunahme der Macht eines Staates würde wahrscheinlich ausgleichende Bewegungen anderer hervorrufen.

Amerika war die entscheidende Variable. Es hatte die Fähigkeit, in Asien eine Rolle ähnlich der alten britischen Rolle in Europa zu spielen, auch wenn die akzeptierte Philosophie dafür noch fehlte: Gleichgewicht zu erhalten, indem verhindert wurde, dass eine einzelne Macht dominiert. Asiatische Stabilität und Prosperität waren keine automatischen Tatsachen. Sie hingen von einem Gleichgewicht ab, das nach dem Kalten Krieg bewusstere Pflege verlangen würde. Der Wilsonianismus hatte in Asien wenige Anhänger. Selbst demokratische Staaten taten nicht so, als beruhe Zusammenarbeit vor allem auf gemeinsamen inneren Werten. Die Sprache des nationalen Interesses und des Gleichgewichts überwog.

China war die zentrale aufsteigende Macht. Kissinger verweist auf sein rasches Wachstum, sein stärker werdendes Militär und seine wahrscheinliche Bewegung in Richtung Supermachtstatus. Lange bevor Chinas Wirtschaftsleistung der amerikanischen nahekäme, würde Chinas Schatten andere asiatische Staaten beeinflussen. Südostasiatische Länder suchten bereits Gegengewichte zu China und Japan. Die Bereitschaft der ASEAN, Vietnam aufzunehmen, das viele seiner Nachbarn früher gefürchtet hatten, spiegelte diesen Ausgleichsimpuls wider. Dieselbe Logik erklärte, warum südostasiatische Staaten wollten, dass die Vereinigten Staaten engagiert blieben: Amerikanische Präsenz half zu verhindern, dass die Region von einer einzigen asiatischen Großmacht abhängig wurde.

Auch Japan würde sich verändern. Während des Kalten Krieges akzeptierte es amerikanischen Schutz, ordnete Sicherheitspolitik Washington unter und konkurrierte intensiv auf wirtschaftlichem Gebiet. Dieser Handel ergab Sinn, solange die Sowjetunion beide Länder auf ähnliche Weise zu bedrohen schien. Nach dem Kalten Krieg standen japanische Planer vor einem komplizierteren Umfeld: China und Korea gewannen militärische Stärke, während der stärkste verbliebene Teil sowjetischer Militärmacht in Sibirien lag. Wirtschaftliche Streitigkeiten mit Washington und wiederholte amerikanische Neubewertungen der Politik erschwerten die Annahme einer dauernden Identität der Interessen. Japans Geografie und Geschichte gaben ihm zudem einen anderen Blick auf das asiatische Festland.

Japans Verteidigungshaushalt stieg bereits. Die klare Ablehnung einer nordkoreanischen Nuklearfähigkeit durch Premierminister Kiichi Miyazawa im Jahr 1992 warf Fragen auf, was Japan tun würde, wenn es amerikanischen Sicherheitsgarantien nicht mehr traute. Würde es Atomwaffen entwickeln oder eine Aktion zur Unterdrückung einer nordkoreanischen Bedrohung unterstützen? Dass solche Fragen gestellt werden konnten, deutete auf die Möglichkeit eines Japan hin, das teilweise von amerikanischen Verankerungen gelöst war. Für Kissinger machte dies eine fortgesetzte amerikanische Militärpräsenz in Nordostasien wesentlich. Ohne sie würden die Vereinigten Staaten in Asien an Glaubwürdigkeit verlieren, und Japan wie China wären versucht, nationale Strategien zu verfolgen, die schließlich zusammenstoßen könnten.

Amerikanischer Einfluss in Asien würde weniger von großen multilateralen Institutionen als von bilateralen Beziehungen zu Großmächten abhängen. ASEAN und APEC gaben den Vereinigten Staaten Einflusskanäle, doch asiatische Staaten widersetzten sich einer pazifischen Institution europäischen Stils. Sie wollten keinen Rahmen, der China, Japan oder sogar die Vereinigten Staaten befähigen könnte, zu tief in ihre Angelegenheiten einzugreifen. Sie begrüßten amerikanische Beteiligung als stabilisierenden Faktor und als Nothilfe gegen Bedrohungen ihrer Unabhängigkeit, blieben formellen Strukturen gegenüber aber vorsichtig. Amerika musste deshalb durch flexibles Engagement, regionale Foren dort, wo sie nützlich waren, und vor allem durch seine Beziehungen zu Japan und China arbeiten.

Die japanisch-amerikanischen Beziehungen verlangten geopolitische Klärung, aber wirtschaftliche und kulturelle Hindernisse waren ernst. Kissinger betont den Gegensatz der Entscheidungsstile. Amerikanische Entscheidungen folgen gewöhnlich formaler Autorität: Ein Präsident oder hoher Amtsträger wählt unter Optionen und erwartet, dass Handeln folgt. Japanische Entscheidungen entstehen durch Konsens unter denen, die sie umsetzen müssen. Wenn ein amerikanischer Präsident Zustimmung äußert, signalisiert er eine Entscheidung; wenn ein japanischer Premierminister zustimmt, kann er Verständnis und die Bereitschaft anzeigen, die Sache dem Konsensverfahren zu unterbreiten. Diese Unterschiede konnten sachliche Meinungsverschiedenheiten in Missverständnisse verwandeln. Langfristige Zusammenarbeit erforderte mehr amerikanische Geduld und die japanische Fähigkeit, strategische Politik direkter zu diskutieren.

Das chinesisch-amerikanisch-japanische Dreieck war noch heikler. Japans Blick auf China verband Bewunderung, Furcht, Freundschaftswunsch und die Erinnerung an Herrschaft. Eine chinesisch-amerikanische Konfrontation könnte Japan dazu verleiten, sich von den Vereinigten Staaten zu distanzieren, um Einfluss in China zu bewahren. Eine rein nationale japanische Politik könnte in Peking wiederum als erneuerter japanischer Ehrgeiz gelesen werden. Gute amerikanische Beziehungen zu China waren daher notwendig für stabile japanisch-amerikanische Beziehungen und für chinesisch-japanische Koexistenz. Das Dreieck widersprach der amerikanischen Vorliebe für klare Kategorien von Freund und Feind, aber seine Aufgabe wäre für alle drei Parteien gefährlich.

China, Menschenrechte und strategischer Dialog

Unter den großen und potenziell großen Mächten war China die am stärksten aufsteigende. Amerika war bereits mächtig; Europa brauchte Einheit; Russland war geschwächt und unruhig; Japan war reich, aber vorsichtig. China verband hohes Wachstum, starken Zusammenhalt, historisches Selbstvertrauen und ein stärker werdendes Militär. Maoistisches China hatte den Status einer Großmacht gesucht, war aber durch Ideologie beschränkt worden. Das reformorientierte China verfolgte dagegen nationales Interesse mit Geschick und Beharrlichkeit.

Kissinger warnt, dass Konfrontation mit China die Vereinigten Staaten in Asien isolieren würde. Kein asiatisches Land würde einen amerikanischen Konflikt mit China unterstützen wollen, wenn es diesen Konflikt für das Ergebnis fehlgeleiteter amerikanischer Politik hielte. Viele würden privat eine amerikanische Ausgleichsrolle bevorzugen. Öffentlich würden sie Abstand von Washington halten, um Peking nicht zu provozieren. Asiatische Staaten erwarteten von den Vereinigten Staaten, einen stabilen Rahmen zu schaffen, der China und Japan zugleich integrieren konnte. Konfrontation mit China würde diese Rolle preisgeben und amerikanischen Einfluss auf beide Mächte verringern.

China selbst begrüßte ein gewisses amerikanisches Engagement in Asien als Gegengewicht zu Japan, Russland und in geringerem Maß Indien. Eine Politik, die Freundschaft mit Peking wie mit Ländern suchte, die Peking als mögliche Bedrohungen ansah, erforderte aber regelmäßigen strategischen Dialog. Nach dem Tiananmen-Platz 1989 wurde dieser Dialog durch Amerikas Weigerung gehemmt, hochrangige Kontakte aufrechtzuerhalten, eine Maßnahme, die Kissinger zufolge nicht einmal gegen die Sowjetunion auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges angewandt worden war. Menschenrechte rückten ins Zentrum der Beziehung.

Die Regierung Clinton stellte den Kontakt auf hoher Ebene wieder her, doch die Zukunft hing vom Inhalt des Austauschs ab. Kissinger hielt an Menschenrechten und demokratischen Werten als amerikanischen Anliegen fest. Seine Warnung richtete sich gegen eine Politik, die die gesamte chinesisch-amerikanische Beziehung von inneren chinesischen Praktiken abhängig machte. China betrachtete solche Konditionalität als herablassend, weil sie nahelegte, dass die Beziehung auf amerikanischer Gunst statt auf gegenseitigem Interesse beruhte. In chinesischen Augen machte dies die Vereinigten Staaten aufdringlich und unzuverlässig, und Unzuverlässigkeit war besonders schädlich.

Chinesische Empfindlichkeit spiegelte Geschichte wider. China hatte sich lange als vorherrschend in seiner Region gesehen und fremde Vorschriften zutiefst übelgenommen. Westliche Intervention seit den Opiumkriegen war mit Demütigung verbunden worden, wodurch Gleichrangigkeit und Widerstand gegen fremde Bevormundung für chinesische Führer zu moralischen Geboten wurden. China könnte einige menschenrechtliche Zugeständnisse machen, wenn sie als souveräne Entscheidungen aus seinem eigenen Prozess dargestellt werden könnten. Öffentliche amerikanische Vorschriften wirkten demütigend und legten nahe, Washington fehle ein ernstes strategisches Interesse am asiatischen Gleichgewicht. Paradoxerweise argumentiert Kissinger, dass selbst Fortschritte bei Menschenrechten stillschweigende Zusammenarbeit in globaler und asiatischer Strategie erforderten.

Der Gegensatz zu Europa ist wichtig. In Europa teilte Washington Werte und brauchte angemessenere Institutionen und Politiken für die Zeit nach dem Kalten Krieg. In Asien konnte es eine wünschenswerte Gleichgewichtsstrategie definieren; eine Wertegemeinschaft stand dort als Grundlage kaum zur Verfügung. Die Vereinigten Staaten mussten ihre Diplomatie an beide Schauplätze anpassen, statt anzunehmen, eine einzige moralische Sprache könne alle Regionen gleichermaßen ordnen.

Die westliche Hemisphäre als Konvergenz von Idealen und Interessen

Unerwartet bot die westliche Hemisphäre die engste Konvergenz zwischen amerikanischen Idealen und geopolitischen Interessen. Frühere amerikanische Politik in der Hemisphäre war oft interventionistisch im Stil einer Großmacht gewesen. Franklin Roosevelts Politik der guten Nachbarschaft von 1933 markierte eine Bewegung hin zur Zusammenarbeit. Der Rio-Vertrag von 1947, der Pakt von Bogotá von 1948 und die Organisation Amerikanischer Staaten lieferten einen Sicherheitsrahmen. Kennedys Allianz für den Fortschritt von 1961 fügte Wirtschaftshilfe und Kooperation hinzu, obwohl Kissinger urteilt, dass diese Politik durch die staatsorientierte Ausrichtung vieler Empfänger geschwächt wurde.

Während eines großen Teils des Kalten Krieges wurde Lateinamerika von autoritären Regimen und staatlich gelenkter Wirtschaftspolitik beherrscht. Ab Mitte der 1980er Jahre bewegte sich die Region jedoch breit in Richtung Demokratie und Marktwirtschaft. Brasilien, Argentinien und Chile verließen die Militärherrschaft. Bürgerkriege in Mittelamerika endeten. Von Schulden belastete Länder akzeptierten finanzielle Disziplin. Staatsdominierte Volkswirtschaften öffneten sich Marktkräften. Zu Beginn der 1990er Jahre schien die westliche Hemisphäre fähig, zu einem wichtigen Element einer stabilen globalen Ordnung zu werden.

Die 1990 von Bush angekündigte Enterprise for the Americas Initiative und der erfolgreiche Abschluss von NAFTA unter Clinton im Jahr 1993 stellten für Kissinger die innovativste amerikanische Politik gegenüber Lateinamerika in der Geschichte dar. Eine Gruppe demokratischer Staaten verpflichtete sich zu Volksherrschaft, Marktwirtschaft und hemisphärischem Freihandel. Kuba blieb die einzige marxistische Diktatur der Hemisphäre, während andernorts protektionistische und staatsorientierte Modelle offeneren Volkswirtschaften wichen. Das langfristige Ziel war eine Freihandelszone von Alaska bis Kap Hoorn, ein Konzept, das kurz zuvor utopisch erschienen war.

Ein solches System würde die Amerikas unabhängig von der Richtung der Weltwirtschaft stärken. Wenn die Uruguay-Runde des GATT breite Freihandelsprinzipien hervorbrächte, wäre die westliche Hemisphäre ein wichtiger Teilnehmer am globalen Wachstum. Wenn diskriminierende regionale Blöcke stattdessen dominierten, würde ein hemisphärischer Markt den Amerikas erlauben, wirksam zu konkurrieren. Ein erweitertes NAFTA könnte auch Länder außerhalb der Hemisphäre belohnen, die offene Regeln akzeptierten, und restriktive Alternativen bestrafen. In einer Welt, in der amerikanische Politik Werte oft gegen Notwendigkeit abwägen musste, war die westliche Hemisphäre der Ort, an dem beide am natürlichsten zusammenfielen.

Idealismus, Geschichte und der Preis der Wahl

Kissinger schließt, indem er Amerikas Hauptaufgabe als Gleichgewicht zwischen zwei Versuchungen definiert, die im Exzeptionalismus wurzeln. Die eine ist kreuzzugartige Überdehnung: der Glaube, die Vereinigten Staaten müssten jedes Unrecht beheben, jeden Bürgerkrieg stoppen und jede Störung stabilisieren. Die andere ist Rückzug: der Glaube, Amerika könne seine eigenen inneren Tugenden verfeinern und die Welt anderen überlassen. Die erste würde amerikanische Stärke erschöpfen; die zweite würde Sicherheit und Wohlstand Entscheidungen überlassen, die anderswo getroffen werden. John Quincy Adams hatte davor gewarnt, nach fernen Monstern zu suchen, die zu zerstören seien, doch die Welt nach dem Kalten Krieg enthielt zu viele Gefahren für einfache Enthaltung. Das Problem bestand darin, Kriterien der Auswahl zu entwickeln.

Amerikanische Führer hatten gewöhnlich Motivation stärker betont als Struktur. Sie versuchten, die Einstellungen anderer Führer zu ändern, statt deren Kalküle zu verändern. Dies spiegelte einen breiteren amerikanischen Glauben an Erneuerung und Verwandlung wider: die Annahme, dass die Vergangenheit Nationen nicht stärker binden müsse als Individuen. Kissinger sieht Würde in dieser Tradition, weil sie dem amerikanischen Leben sein Vertrauen in Neubeginn gibt. Zugleich warnt er, dass die Missachtung der Geschichte zur Wiederholung alter Fehler einlädt. Universelle Prinzipien löschen Geografie, Erinnerung, Fähigkeit oder nationalen Charakter nicht aus.

Amerikas idealistische Tradition war real und wertvoll, weshalb Außenpolitik auch moralische Ziele brauchte. Dennoch war Gleichgewicht die Voraussetzung dafür, seine Ideale zu verfolgen. Höhere Ziele würden durch Rhetorik, Haltung oder rechtliche Formeln ohne Machtgrundlage unerreichbar bleiben. Das neue internationale System war komplexer als jedes, dem die Vereinigten Staaten zuvor begegnet waren. Das amerikanische politische System belohnte unmittelbare Reaktionen und emotionale Bilder stärker als langfristige Analyse. Dies machte die Disziplin der Prioritäten besonders notwendig.

Realpolitik allein war ebenfalls unzureichend. Das Gleichgewichtssystem funktionierte nach den Napoleonischen Kriegen am besten, weil Gleichgewicht durch gemeinsame Legitimität unter konservativen Höfen verstärkt wurde. Als gemeinsame Werte nach dem Krimkrieg erodierten, wurde Gleichgewichtspolitik spröder und gefährlicher, besonders unter dem Druck moderner Technologie und öffentlicher Meinung. Die Lehre für die Vereinigten Staaten lag im Verhältnis von Macht und Legitimität, nicht in mechanischer Nachahmung Europas im 19. Jahrhundert. Amerika sollte moralischen Konsens um Demokratie suchen, ohne bei der Suche nach diesem Konsens das Gleichgewicht zu zerstören.

Wenn ein wilsonsches System universeller Legitimität nicht geschaffen werden konnte, müssten die Vereinigten Staaten in einer Welt des Gleichgewichts der Kräfte handeln. Kissinger kontrastiert zwei Modelle des 19. Jahrhunderts. Das britische Modell, verbunden mit Palmerston und Disraeli, wartete auf eine direkte Bedrohung des Gleichgewichts. Dann unterstützte es gewöhnlich die schwächere Seite. Das bismarcksche Modell versuchte, Herausforderungen durch überlappende Beziehungen und mäßigenden Einfluss zu verhindern, bevor Krisen unbeherrschbar wurden. Überraschenderweise hält Kissinger den bismarckschen Stil für besser mit amerikanischen Bedingungen vereinbar. Der britische Stil erforderte Distanz, Härte und eine strikt machtzentrierte Lesart von Streitigkeiten, alles Gewohnheiten, die amerikanischen Neigungen widersprachen. Bismarcks spätere Methode, Konflikte durch Beziehungsnetze einzuhegen, passte besser zu einer interdependenten Welt, in der Amerika sich weder isolieren noch ein einziges universelles Sicherheitssystem schaffen konnte.

Die kreativste amerikanische Strategie würde daher überlappende Strukturen aufbauen, die zu unterschiedlichen Regionen und unterschiedlichen Gleichgewichten passen. Einige würden auf gemeinsamen politischen und wirtschaftlichen Prinzipien beruhen, wie in der westlichen Hemisphäre. Einige würden gemeinsame Werte mit Sicherheitsinteressen verbinden, wie im atlantischen Raum und in Nordostasien. Andere würden stärker auf wirtschaftlichen Bindungen beruhen, wie in Südostasien. Diese Architektur würde akzeptieren, dass verschiedene Regionen verschiedene Instrumente benötigen, und zugleich eine amerikanische Rolle in jedem wichtigen Gleichgewicht bewahren.

Die Schlussbehauptung des Kapitels lautet, dass Amerika die Grenzen einer Macht lernen muss, die größer ist als jede andere und doch begrenzt bleibt. Während des größten Teils seiner Geschichte sahen sich die Vereinigten Staaten keiner tödlichen ausländischen Bedrohung gegenüber. Als eine solche Bedrohung im Kalten Krieg erschien, wurde sie vollständig besiegt. Diese Erfahrung förderte den Glauben, Amerika könne durch Tugend, Beispiel und Großzügigkeit siegen. In der Welt nach dem Kalten Krieg, so Kissinger, würde diese Unschuld zur Selbstgefälligkeit werden, wenn sie die Notwendigkeit der Wahl leugnete.

Amerika konnte die Welt weder beherrschen noch sich aus ihr zurückziehen. Es sollte an den Idealen festhalten, die es mächtig und unverwechselbar machten. Zugleich musste es die Illusion vermeiden, andere Nationen würden schon durch Verbindung mit ihm begünstigt oder amerikanischer Wille könne unbegrenzt durch das Vorenthalten von Vorteilen durchgesetzt werden. Jeder amerikanische Gebrauch von Realpolitik musste mit den Werten einer in Freiheit gegründeten Gesellschaft verbunden bleiben. Überleben und Fortschritt erforderten jedoch Entscheidungen, die von zeitgenössischer Wirklichkeit geformt wurden. Die Qualität politischer Führung hing davon ab, welches Gewicht Idealen, Interessen, Macht und Zurückhaltung gegeben wurde. Die zentrale Gefahr war die Behauptung, Entscheidungen hätten keinen Preis oder es müsse kein Gleichgewicht gefunden werden.

Kissingers Schlussvision ist daher weder eine Ablehnung des Wilsonianismus noch eine Rückkehr zu zynischer Machtpolitik. Amerikanischer Idealismus blieb wesentlich. Seine Rolle bestand darin, das Land durch Mehrdeutigkeit zu tragen, während das Versprechen endgültiger Harmonie aufgegeben werden musste. Der Kalte Krieg hatte klare Gefahr und klare Ideologie geboten; die entstehende Ordnung würde abstraktere Urteile über Möglichkeit, Hoffnung und Risiko verlangen. Frieden, Stabilität, Fortschritt und Freiheit blieben die angemessenen Ziele amerikanischer Politik. Sie mussten durch Teilerfolge, geduldige Anpassung und einen Weg verfolgt werden, der im Gehen entsteht. Der Glaube an ein vorgegebenes Ziel reichte dafür nicht aus.

Kommentare